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Generalleutnant Karl Freiherr von Thüngen im Gespräch. Foto: Archiv Lutz Freiherr von Thüngen

 

Weißenbach

Seine Soldaten lagen ihm sehr am Herzen

In den Widerstand gegen Hitler verwickelt, wurde Generalleutnant Karl Freiherr von Thüngen am 24. Oktober 1944 ermordet. "Er war als Stadtkommandant von Berlin vorgesehen, wenn das Attentat gelingt", berichtet Lutz Freiherr von Thüngen.

Lesen Sie heute den zweiten Teil der Serie über Karl Freiherr von Thüngen und seinen Leidensweg, dessen Kronzeuge sein langjähriger Bursche Helmut Holtgraefe ist.

Im Hause von Thüngen gab es, wie Stieftochter Stella von Dercks erzählte, kurz nach dem 20. Juli ein tragisches Ereignis. Eines Morgens fand Baronin Marie von Thüngen das Dienstmädchen Käthe tot in ihrem Zimmer. Es war wenige Tage zuvor von einem Gestapo-Beamten abgeholt und mehrere Stunden lang verhört worden. "Sicher hat die Unglückliche unter dem Druck des Verhörs die Namen von Besuchern preisgegeben, darunter wohl auch den Stauffenbergs. Und das musste der Gestapo genügen, um meinen Stiefvater in den Kreis der Verhafteten einzubeziehen", sagte Stella von Dercks.

In der Begründung des Todesurteils gegen Thüngen werden die Abläufe der Bendlerstraße an jenem Nachmittag, soweit sie den Verurteilten betrafen, ausführlich geschildert. Demnach hatte sich Thüngen offenbar gegen 16 Uhr in die Bendlerstraße begeben, um einer telefonischen Einbestellung des Generals der Infanterie Olbricht, Chef des Stabes der Oberbefehlshaber des Ersatzheeres, Fromm, nachzukommen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er von dem Attentat gegen Hitler in Ostpreußen noch keine Ahnung haben. Nur ein kleiner Kreis um Olbricht war unterrichtet und im Glauben, Hitler sei tot.

Nach einigem Hin und Her dann der Anruf von Feldmarschall Keitel: Der Führer lebt und wird bald im Rundfunk sprechen. Aus vielen Zeugnissen weiß man um das tragische Ende der Männer in der Bendlerstraße. Thüngen wurde erst am 3. August verhaftet.

Kronzeuge des Leidensweges ist sein langjähriger Bursche Helmut Holtgraefe, dem es in unglaublicher Zähigkeit und rührender Treue zu seinem Vorgesetzten gelungen ist, alle Widerstände der SS-Administration zu brechen und mehrmals zu seinem Herrn vorzustoßen. Holtgraefe hat Baronin Marie von Thüngen nach dem Krieg, am 25. Januar 1947, einen ausführlichen Bericht über die Besuche übermittelt. Und der lässt einem beim Lesen das Blut in den Adern gefrieren.

Zunächst beschreibt Helmut Holtgraefe die Zeit vor der Verhaftung seines Herren. Er zeichnet das Bild eines Generals, dem seine Soldaten sehr am Herzen lagen. "Er ist wie ein Vater." Der schwierige Feldzug im Osten stand bevor. "Nie hatte ich Herrn Oberst nachdenklicher gesehen, als am Morgen des 22. Juni 1941 unser Trommelfeuer auf die russische Stellung eröffnet wurde. Durch das ernste Gesicht von Herrn Oberst wurde mir schon damals klar, dass es sehr schwer für uns werden würde, diesen Feldzug gegen Russland zu gewinnen..... Seine Sorgen galt immer seinen Männern, den jeder Soldat seiner Einheit war ihm wie sein eigener Sohn."

Im Sommer 1943 wurde der General auf Grund seines Magenleidens nach Berlin berufen, Helmut Holtgraefe wurde nach zur Heeres-Reit- und Fahrschule Potsdam-Krampnitz kommandiert. "Jetzt wurden wir getrennt, denn im Dienst waren wir nicht mehr zusammen. Wir sahen uns nur noch zwei- bis dreimal in der Woche und zwar erst dann, wenn ein jeder seinen Dienst beendet hat. Durch das sorgenvolle Gesicht von Herrn General konnte ich immer wieder erkennen, dass für uns der Krieg bestimmt verloren gehen musste, wenn wir nicht eine neue Regierung bekommen würden. Ich hatte es schon immer bemerkt, dass Herr General kein Hitleranhänger war. Schon seit Jahren hatte ich immer eine heimliche Angst um ihn. Ich befürchtete immer, dass Herr General eines Tages von der Gestapo abgeholt wird. Dieser Gedanke hat mich oft gequält."

Dann kam der 20. Juli 1944 das Attentat auf das Führerhauptquartier, "und wie es das Unglück will, Adolf Hitler ist nicht tot. Jetzt jagte mich die Angst, denn die Sorge um meinen General wuchs in mir furchtbar." Helmut Holtgraefe bat sofort seinen Schwadrons-Chef, nach Berlin zu General von Thüngen fahren zu dürfen, doch daraus wurde vorerst nichts. Am fünften Tag nach dem Attentat konnte er dann endlich nach Berlin fahren. "Ich traf Herrn General in seiner Wohnung an. Vor lauter Freude hätte ich Herrn General am liebsten in den Arm genommen, doch sein ernstes Gesicht gab mir wieder zu denken."

Wenige Tage drauf fuhr Helmut Holtgraefe in den Urlaub. Doch er hatte keine Ruhe zu Hause, fuhr zurück nach Berlin und sein erster Weg führte ihn zur Wohnung der von Thüngens, wo ihm die Baronin die Tür öffnete. "Das verweinte Gesicht von Frau Baronin sagte mir alles." General von Thüngen sei verhaftet worden, "wo er sei, wüsste kein Mensch".

Den dritten Teil lesen Sie am kommenden Freitag.

Quellen:
- Der Lebensweg des Karl Freiherr von Thüngen, Festschrift zur fünzigsten Wiederkehr der Erhebung deutscher Offiziere gegen Adolf Hitler von August Graf Kageneck
- Auszüge aus den Briefen Karl Freiherr von Thüngens an seine Ehefrau Marie
- Schreiben des langjährigen Burschen des Barons, Helmut Holtgraefe, an Marie Freifrau von Thüngen

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