Oberweißenbrunn
Anknüpfen an Geselligkeit früherer Jahre
Die Rhöner Spinnstube im Gasthaus "Zum Mühlengrund" ist seit mehr als zehn Jahren eine feste Größe im Veranstaltungskalender des Rhönklub-Zweigvereins Oberweißenbrunn.
Miteinander einen gemütlichen Abend verbringen, singen und dem Schnurren der Spinnräder zuschauen und sich natürlich miteinander unterhalten – das ist die Intention des Abends. "Früher gab es überall eine Spinnstube mit Musik und Gesang, daran wollen wir anknüpfen", so die Wirtin des Mühlengrundes, Marianne Rauh. Und auch für Edgar Enders, den stellvertretenden Vorsitzenden des Rhönklub-Zweigvereins Oberweißenbrunn ist klar, dass diese Tradition nicht nur fortgeführt sondern auch aktiv und tatkräftig unterstützt werden muss und so stellte er sich selbst als Musiker zur Verfügung.
Während früher die Spinnstube jeden Abend stattfand, steht sie in Oberweißenbrunn nun nur noch einmal im Jahr auf dem Programm. "Wir wollen trotzdem an die Gemütlichkeit früherer Jahre anknüpfen. Es ist klar, die Zeiten haben sich geändert, die Menschen kommen nicht mehr Abend für Abend zusammen, das ist einfach vorbei", so Marianne Rauh. "Aber einmal im Jahr, die Tradition wachhalten, da sind alle dabei." Es werden Erinnerungen ausgetauscht und viele Geschichten von früher erzählt. So ein Abend stärke die familiäre Bindung und bringe Menschen zueinander in der Gemeinschaft.
Wie schon in den Vorjahren schien der Rhönklub aus allen Nähten zu platzen, so gut war die Spinnstube besucht. In Tracht waren die "Öwerweissenbrünner Spinnweiwer" gekommen, unterstützt wurden sie von Frauen aus Oberbach und Wildflecken, die natürlich auch ihre Spinnräder mitgebracht hatten. Auch zwei Männer fand man am Spinnrad, Felix Back aus Oberweißenbrunn und Reinhard Martin aus Oberbach.
"Spinnrad-Doktor"
"Ich habe als Kind schon gelernt, wie man am Spinnrad spinnt", erklärte Reinhard Martin. Und Felix Back nickt zustimmend. "Das mussten wir als Kinder schon machen." Reinhard Martin spinnt aber nicht nur an solch besonderen Spinnabenden sondern auch zu Hause. "Die Wolle wird dann aufgestrickt, zu Socken und Handschuhen." Auch Felix Back spinnt unter dem Jahr und er fertigt auch Spinnräder. Als "Spinnraddoktor" gilt der 79-jährige Oberweißenbrunner bei den Spinweibern seit jeher. "Die Spinnräder vom Felix laufen gut", bestätigte Reinhard Martin, der ebenfalls schon 79 Jahre alt ist, und ließ die Wolle in schönster Gleichmäßigkeit durch die Finger auf die Spule gleiten. Das Rad drehte sich im gleichmäßigen flotten Rhythmus. Ein bisschen Übung ist schon von Nöten, um einen gleichmäßigen Faden zu spinnen. Auch bestimmt die Spinnerin oder der Spinner die Stärke des Fadens.
Die Schafwolle besorgt Ludwina Abert (Wildflecken) bei einem Schäfer. "Dann muss sie gewaschen werden, bei 60 Grad, damit das Fett raus gewaschen wird." In einer Behinderteneinrichtung in Hessen wird die Wolle gekämmt und kann dann an solchen Spinnabenden versponnen werden. Doch mit dem gesponnenen Faden alleine ist es nicht getan. "Es werden dann drei Fäden zusammen gezwirnt und zum Strang gewickelt. Erst dann kann gestrickt werden." Auch wenn heute vorwiegend Socken und Handschuhe und auch mal Westen gestrickt werden, die Erinnerungen, als die Unterwäsche aus Schafwolle war sind Ludwina Abert noch gut in Erinnerung. Wie die Schafwolle damals kratze, daran mag sich heute aber keiner mehr gerne erinnern.
Natürlich wurde auch tüchtig musiziert und gesungen. Wie schon in den Vorjahren war auch heuer wieder Walter Wiesner aus Oberbach mit seinem Akkordeon mit dabei. Unterstützt wurde er von den Oberweißenbrunnern Detlev Enders und Edgar Enders mit der Gitarre und Gerhard Kirchner mit der Klarinette. Aber auch aus Waldfenster waren Musiker nach Oberweißenbrunn gekommen. Berthold Albert seine Frau Edith und Gisela Karch von der Rhöner Stubenmusik Waldfenster spielten alt bekannte Rhönmelodien "Am Kreuzberg", Abendrot in der Rhön" und natürlich auch das Frankenlandlied."
Silvia Kamionka (Riedenberg) sang alles auswendig mit. "Das ist super hier. Mein Wochenende ist gerettet. Ich bin begeistert, dass die Musik hier von Hand gemacht wird. Es sind Rhöner Lieder, die können alle mitsingen." Alt bekannte Rhön- und Heimatlieder wurden über den Abend hinweg gesungen, so mancher brauchte da keine Textvorlage und kannte die Liedtexte von früher noch auswendig. Ob das Dammersfeldlied, die Kreuzberglieder oder "Ich weiß basaltene Bergeshöhn", die altbekannte Rhönklubhymne, erklangen, die Gäste bekamen nicht genug von den fröhlichen oder auch romantischen Liedern der vergangenen Zeit. Dabei zeigte sich wieder einmal, dass gerade die Liebeslieder von einst noch nichts von ihrem Reiz verloren haben.
Und wer nicht nicht ganz so textfest war, der bekam auch eine Liedermappe, so dass alle Besucher an den Tischen tüchtig mitsingen konnten. Dazu surrten die Spinnräder unermütlich, verschiedlich strickten Frauen und Hedwig Röhner zeigte das "Schlappenflicken".
"Es geht mir darum, altes Brauchtum zu bewahren, Traditionen fortzuführen und die Geselligkeit zu pflegen", erklärte Marianne Rauh. Und der Erfolg gibt ihr ja recht, waren doch Jung und Alt mit großer Begeisterung dabei.
Info Geschichte:
In allen Dörfern der Rhön gab es früher in der Winterzeit für die Mädchen eine "Spinnstube". Wenn die Ernte eingebracht und die Tage kürzer wurden, meist nach Allerseelen, trafen sich die jungen Mädchen abends, nach dem Tagewerk, immer abwechselnd in der guten Stube eines Mädchens, wo sie stricken, sangen und schwatzten. Natürlich wurden auch die neuesten Dorfgeschichten erzählt, sich über das Kinderkriegen und andere wichtige Geschehnisse ausgetauscht. Was für die Mädchen die Spinnstube, war für die jungen Männer die "Lichtstube", in der Karten gespielt wurde. Natürlich wurden die Mädchen in der Spinnstube auch gerne einmal besucht.
Der Sittlichkeit höchst gefährlich...
Die Spinnstube war so etwas wie der Jugendraum heute, aber auch noch viel mehr, sie war Tanzschule, Beziehungsschmiede, und natürlich gab es auch ein wenig Aufklärungsunterrricht.
Das Treiben in den Spinnstuben wurde nicht immer positiv gesehen. Im Heimatbuch der Gemeinde Sandberg ist da beispielsweise zu lesen, dass das königliche Landgericht in Bischofsheim, am 13. Dezember 1856 die Weisung erlies, die Dorfgendarme sollen gegen die Spinnstuben unnachsichtig vorgehen und sofort Anzeige erstatten.. "Mögen sie nun von Personen beiderlei Geschlechts oder auch nur von Frauenspersonen besucht werden". Das königliche Pfarramt in Premich erteilte am 20. November 1956 das Verbot der Spinnstuben in Sandberg und Waldberg. Die Spinnstuben konnten "als der Sittlichkeit höchst gefährlich nicht länger geduldet werden".
Schon im Jahre 1783 hat der damalige Fürstbischof von Würzburg besonders aus den Rhöngegenden die Klage vernommen, dass die Spinnstuben eine Hauptursache aller Ausschweifungen seien und hat sie daraufhin auf das Schärfste verboten. Erneuert wurde das Verbot von der königlichen Regierung im Jahre 1851. Spinnstuben verführen zur Unsittlichkeit, wurde damals argumentiert. "Wer nach sechs Uhr Abends des Spinnens halber in ein fremdes Haus geht, wird angezeigt und strenge bestraft werden, der nämlichen Strafe unterliegen jene, welche Spinnstuben halten", so die Anordnung im Jahre 1856.
Von der Oberweißenbrunner Spinnstube am vergangenen Wochenende ging sicherlich keine Gefahr für die Sittlichkeit aus.





















